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  • AutorenbildBarbara Grabher

Clara Ghislaine Ibold: Anthropozäne Suppe - Die kontroverse Würze der Tradition

Hohe Schneebedeckte Gipfel, sanfte grüne Hügel und tiefblaue Seen, die malerisch in die Landschaft gezogen sind. All dies ist das Salzkammergut von wo aus ich die Inspiration für diese gehaltvolle, unkonventionelle und anthropozäne Suppe mitgebracht habe. Es handelt sich um ein Gericht, dass als Utopie beschrieben werden soll und eignet sich hervorragend, um bei einem großen Event wie dem der Kulturhauptstadt 2024 serviert zu werden.

Bei der Konzeption dieses Gerichtes wollte ich etwas anderes machen. Das sinnliche Erlebnis dieser Utopie entsteht nicht aus der Fusionierung futuristischer Zutaten, sondern geht direkt aus der Geschichte dieser Region hervor. Meine leitende Frage an dieser Stelle: Kann die Tradition als eine anthropozäne Utopie verarbeitet werden? Ich habe dafür zu Beginn Inspiration in den Worten des französischen Anthropologen Marc Augé gefunden, wenn er schreibt:

„Das große Paradox unserer Epoche ist: Wir wagen es nicht mehr, uns die Zukunft vorzustellen, obgleich uns der Fortschritt der Wissenschaft Zugang zum unendlich Großen wie auch zum unendlich Kleinen ermöglicht. Die Wissenschaft schreitet mit solcher Geschwindigkeit voran, dass wir heute unmöglich sagen könnten, wie unser Wissensstand in fünfzig Jahren aussehen wird.“[1]

Die besondere Hauptzutat auf die ich während meiner kulinarischen Erkundungstour im Salzkammergut stieß, ist somit die Tradition. Bevor Sie sich jetzt denken „So etwas abgestandenes wir Tradition kommt mir sicher nicht in Pfanne“, lassen Sie mich erklären, welchen Reiz diese Zutat mit sich bringt und wie man sie zubereiten sollte, um dieses unkonventionelle Geschmackserlebnis zelebrieren zu können.


Die Landschaft des Salzkammerguts steht seid Jahrhunderten in einer relationalen Wechselwirkung mit menschlichen Akteur*innen, was ortsspezifische Weisen der Tradition geformt hat. In ihnen spiegelt sich eine Fusion von Natur und Kultur. Diese Traditionen erscheinen alleinstehend weniger gehaltvoll, aber in der richtigen Abstimmung mit anderen Zutaten borgen sie durchaus ein Potenzial. Hierbei ist es wichtig, dass man Tradition bedacht und mit einem kritischen Blick auswählt und sie sorgsam wäscht, damit alle Überreste konservativer Nostalgie vor der Zubereitung entfernt werden. Vergessen wir diesen Schritt, müssen wir leider mit Bauchschmerzen rechnen.


Zutatenliste

750 ml Geschmolzenes Gletschereis

500 g Tradition

1 Prise Hallstädter Salz

1 TL Intersektionalität

200g Politische Gepflogenheiten


Zubereitung

1) Im ersten Schritt kommt das Gletschereis ins Spiel. Eine regionale Spezialität, deren Verfügbarkeit in den letzten Jahren allerdings deutlich abgenommen hat. Den Kochtopf auf mittlerer Hitze, wird das Eis in grobe Stücke gehackt, zum schmelzen gebracht. Egal welche Utopie man zubereitet, geschmolzene Gletscher sind immer im Programm.


2) Wenn das Eis in den flüssigen Aggregatzustand gewechselt hat, ist es an der Zeit die Tradition hinzugeben. Achten Sie bei diesem Schritt darauf, dass sie vollständig vom Wasser bedeckt ist, damit jeder letzte Teil verkocht werden kann. Rohe Tradition ist ungenießbar und kann in speziellen Situation sogar leicht giftig wirken. Nun ist Geduld das Stichwort der Stunde. Essenziell für das Gelingen dieses Gerichtes ist das komplette Einkochen der Tradition. Die Gehaltvollen Elemente werden erst frei gesetzt, wenn sie mit den anderen Zutaten fusioniert sind und in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr erkennbar scheinen. Das Geheimnis beim Verkochen von Tradition ist, dass sie in der Suppe aufgeht und sich vermischt. Dieser relationale Part des Einkochen nimmt einiges an Zeit in Anspruch und ich spreche die Warnung aus, nicht vorschnell zu sein, sonst war der ganze vorherige Prozesse um sonst. Wenn sich nach einem gewissen Zeitraum die Tradition in der Brühe aufgelöst hat, können wir Schritt für Schritt mit der Verfeinerung der Suppe beginnen, sowie notwendige Gewürze hinzugeben.


3) Ein Wahrzeichen und Erbe der Region des Salzkammergut ist und bleibt das berühmte Hallstätter Salz. Ein Gut, welches bereits seit über einem Jahrtausend aus den Bergen gefördert wird damit unsere Hauptzutat komplementiert. Dabei spannt es den gehaltvollen Bogen zwischen Natur und Kultur, entscheidend für eine anthropozäne Utopie.

Doch Vorsicht ist geboten; Salz an sich hat die Fähigkeit zum Konservieren, bitte verzichten Sie an dieser Stelle unter allen Umständen auf berühmt berüchtigte Konserverieungsstoffe wie den „Neuen Konservativismus“. Mir ist durchaus bewusst, dass dieser in Österreich gerade wieder an Beliebtheit steigt und einige darauf schwören, dass er bei der Zubereitung von Tradition notwenig sei. Doch er hat einen sehr bitteren Beigeschmack und verhindert nachhaltig die Aufnahme von wertvollen und diversen Vitaminen, die diese Suppe sonst zu bieten hat.


4) Wenn wir schon bei den Vitaminen sind, kommt hier die nächste Zutat ins Spiel. Einen Teelöffel Intersektionalität. Ja dieses Superfood, was es unentwegt schafft alle Bestandteile eines Gerichtes miteinander zusammenzubringen und ein langanhaltendes Sättigungsgefühl verspricht. Ein Teelöffel sollte genügen, doch bei diesem Schritt ist es gerne gesehen, wenn man hier nach Gefühl und Beobachtung dosiert. Intersektionalität erlangt zum Glück immer mehr Einzug in die europäische Küche und schafft relationale Verbindungen, die bei keiner Utopie fehlen dürfen.


5) Nun zum letzten Schritt dieses Rezeptes. Um das Gericht nicht nur nahrhaft zu machen, sondern auch gut verdaulich braucht es Ballaststoffe. Diese kommen in den verschiedene Formen vor, doch für diese Suppe empfehle ich politische Gepflogenheiten. Manchen liegen diese Schwer im Magen, doch aus einer ganzheitlichen Perspektive können wir nicht auf sie verzichten. Waschen Sie diese ebenfalls gründlich und halten Sie Ausschau, dass Sie keine Faulen mit in die Suppe geben.


Und Voila- Am Ende steht eine gehaltvolle, vielseitig gewürzte anthropozäne Suppe, die am besten im Kollektiv verspeist und auf großen Events serviert werden sollte. Die Tradition etabliert sich in diesem Gericht als die entscheidende Hauptzutat, liefert eine spannende Perspektive und ermöglicht eine kontroverse Würze. Die Frage ist klar: Die Tradition kann als anthropozäne Utopie verarbeitet werden.


Am Ende interessiert mich noch: Wie schmeckt Ihnen das planetarische Anthropozän?


[1] Marc Augé: Die Zukunft der Erdbewohner. Ein Manifest. Berlin 2019, S.48.



Clara Ghislaine Ibold studiert Kulturanthropologie an der Universität Graz. Ihr Forschungsinteresse bezieht sich dabei besonders auf Naturanthropologie und Multispecies Ethnography.

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