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  • AutorenbildBarbara Grabher

Maria Sendlhofer: Bad Ischl-SKGT24 – Zusammenschau von Kultur und ökologische Nachhaltigkeit

Aktualisiert: 2. Aug. 2022


Al Gore sagte 2007: „Die Erde hat jetzt Fieber. Und das Fieber steigt.“ Können wir diesen Anstieg überhaupt noch aufhalten? Ein Versuch ist nachhaltiges Handeln in allen Belangen. Nachhaltigkeit, ein vielstrapaziertes Wort im Heute, steht für eine auf lange Zeit anhaltende Wirkung. In Zusammenhang mit Events wie der europäischen Kulturhauptstadt bedeutet dies, dass alle Handlungen zur Zufriedenheit aktueller Bedürfnisse so ausgerichtet sind, dass das Fundament zur Erfüllung der Bedürfnisse nachkommender Generationen erhalten bleibt. Das legt nahe, dass wir Menschen die Verantwortung für die Zukunft unseres Lebensraumes tragen.


Wir sind der dominant prägende Faktor des mit Anthropozän bezeichneten neuen geologischen Erdzeitalters. Das System Erde lässt sich nicht mehr getrennt von uns Menschen denken. Drei Viertel der bewohnbaren Erdoberfläche sind anthropogen überformte Natur. Der wissenschaftliche Diskurs darüber verläuft kontrovers, Tatsachen wie der Klimawandel oder die „Verbetonierung“ der Natur lassen sich aber nicht leugnen. Das „Drei-Säulen-Modell“ der Nachhaltigkeit basiert auf der Idee, dass die drei Dimension - ökologische, soziale, ökonomische Nachhaltigkeit – gemeinsam gedacht werden müssen. Meine Überlegungen hier fokussieren auf die ökologische Dimension, auf die wechselseitige Beziehung zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt, womit die auf den Menschen und seine Lebensbedingungen wirkende Umgebung gemeint ist.


Im Bewusstsein dieser Fakten muss es uns ein Anliegen sein, negative anthropozäne Auswirkungen in allen gesellschaftlichen Bereichen mitzudenken und einer nachhaltigen Lebensraumgestaltung durch ökologisches Denken Platz zu geben. Die Vision des Erhalts der natürlichen Ressourcen für die Lebensqualität künftiger Generationen bedeutet, die Umwelt und Natur für diese zu bewahren. Der Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ als potentielles „Transport- bzw. Vermittlungsmedium“ von ideellen Anliegen eröffnet die Chance, einen Betrag für ein funktionierendes System Erde zu leisten. Aus dem Pool der vielen Gestaltungsansätze sollte dabei meines Erachtens die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit in den Vordergrund gerückt und die „Europäische Kulturhauptstadt“ als ein Medium zur Bewusstseinsänderung unserer Haltung zur Umwelt und deren Ausbeutung begriffen werden.


Bad Ischl-SKGT24 und ökologische Nachhaltigkeit

SKGT24 stellt sich dieser Herausforderung und sucht in der Programmplanung das Verhältnis von Mensch und Umwelt neu zu denken. Schlagworte wie Klima, ökologisches Bauen, Natur und Nachhaltigkeit, immer in Verbindung mit Kultur gedacht, stehen im Mittelpunkt. Das Programm ist an den „Zielen der Klimagerechtigkeit und des nachhaltigen Tourismus“ ausgerichtet, ist doch die gesamte Region Salzkammergut vom Hypertourismus geprägt. Dieser bringt viele Belastungen mit sich, die auch zum Klimawandel beitragen, der für die Bewohner:innen der Region die größte Herausforderung darstellt. Diese Tatsachen lassen hoffen, dass die Resonanz der Bevölkerung bei der Implementierung des ökologische Nachhaltigkeitsgedanken groß ist.


SKGT24 – nachhaltige Umweltprojekte

Ich lese das Bidbook als Versuch, ein Gleichgewicht zwischen Kultur und Natur zu schaffen. Der Gedanke eines „green events“ wird verfolgt, zu dessen Erreichung Kriterien für die Nachhaltigkeit von Veranstaltungen definiert und die Betreiber:innen zur Einhaltung verpflichtet sind. SKGT24 thematisiert die Umwelt und Umweltbelastung, die Beziehungsintensivierung von Ort und Mensch, das Stadt-Land-Gefüge sowie die Beziehung Mensch-Umwelt und Mensch-Natur. Beispielhaft soll hier das Projekt „Der Dachstein lässt schön grüßen“, ein Projekt von „H2OH - NEIN!“, welches Umweltthemen und die Kultur-Natur-Beziehung aufgreift, vorgestellt werden.


© Stefan Kasberger


„Der Dachstein lässt schön grüßen“

Der Klimawandel und dessen Folgen sind deutlich am Dachsteingletscher zu erkennen. Vor allem die hohen Sommertemperaturen haben zu großem Längen- und Massenverlust geführt. Die Nullgradgrenze liegt bereits über den Berggipfeln, der Gletscher beginnt im Nährgebiet zu schmelzen, der Permafrost geht zurück. Setzt sich diese Entwicklung fort, so wird der Dachsteingletscher noch in diesem Jahrhundert verschwinden. Zudem werden die Alpenseen austrocknen, Sauerstoffmangel für die Fische wird eintreten und das Wasser erwärmt sich allgemein. Das vorangehende Bild symbolisiert das wachsame Auge, das für den Erhalt unserer Umwelt erforderlich ist. „Klimawandel bedeutet Kulturwandel“ – so muss auch in allen kulturellen Bereichen die Bewältigung des Klimawandels mitgedacht werden, eine proaktive Klimakultur betrieben werden.


Diesem Thema widmet SKGT24 ein fünftägiges Konferenzprogramm. In einer Retrospektive an den Künstler und Dachsteingletscherforscher Friedrich Simony (1813-1896) wird das Schwinden des Dachsteingletschers visualisiert. Zeitgenössische Forscher:innen und Künstler:innen setzen sein Werk in eigenen Arbeiten um und präsentieren diese sowie wissenschaftliche Erkenntnisse und Lösungsansätze. Mit Schulprojekten wird die junge Generation einbezogen, mit Kooperationen mit Slowenien und Tartu über die Region hinausgeblickt. Auch eine Konferenz zu den Auswirkungen des Klimawandels ist geplant. Das Programm ist eingebettet in literarische, künstlerische und musikalische Darbietungen (Ausstellungen, Filme, Präsentationen, Vorträge) und wird zur Zeit der Schneeschmelze auf der Seewiese Altaussee und am Fuße des Dachsteins in Gosau ausgetragen. Unter den mitwirkenden Künstler:innen befindet sich Katrin Hornek, die das Leben im Anthropozän spielerisch in ihren Werken umsetzt und Orte mit ihren Geschichten und ihrer Materialität verbindet. Ihre Filme und Dokumentationen werden präsentiert und im langfristig angelegten Projekt „CASTING HAZE“ will sie CO2 aus Luft oder Wasser gewinnen und in einer Skulptur mineralisieren und den CO2-Kreislauf editieren.


Fazit

„Der Dachstein lässt schön grüßen“ ist ein nur ein Projekt von SKGT24. Wie in diesem wird in allen versucht, ein Umdenken des Verhältnisses von Mensch und Umwelt und die Bewusstmachung für anthropozäne Probleme voranzutreiben. Der Titel Kulturhauptstadt bietet eine größe Bühne, die Dringlichkeit ökologischer Nachhaltigkeit zu verbreiten Der Einbezug der Einwohner:innen, der Schulen sowie der lokalen Kulturschaffenden und im Besonderen die Berücksichtigung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen können zu einem breiteren Verständnis für die Umwelt beitragen. Zudem leistet ein Programm wie SKGT24 soziale Vernetzungsarbeit: die Begegnung von Menschen, das gemeinsame Arbeiten an Projekten.


In der Bewusstseinsbildung für die Umwelt sehe ich den größten Verdienst von SKGT24 zur ökologischen Nachhaltigkeit. Die Einbindung einer nachhaltigen Gestaltung unseres Lebensraumes ins Kulturprogramm bedeutet, anthropozän denken – unseren Lebensraum für die Zukunft zu erhalten und zu verbessern, damit unsere jetztige Gesellschaft nicht in weiter Ferne ausschließlich anhand von technofossilen Überresten beforscht werden muss. SKGT24 sucht einen Schritt in Richtung ökologische Nachhaltigkeit zu gehen, teilen diesen Schritt viele und wiederholen ihn häufig, so können auf dem Weg zu einem gesunden System Erde große Etappen zurückgelegt werden.




Maria Sendlhofer studiert Europäische Ethnologie und Kulturanthropologie an der Universität Graz und ist hauptberuflich im Bereich Public Health tätig. Ihr Forschungsinteresse gilt der Umweltanthropologie sowie der historischen Anthropologie



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