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  • AutorenbildBarbara Grabher

Wanda Deutsch: Salzige Konflikte im europäischen Scheinwerferlicht?

Die Kulturhauptstadt Europa Bad Ischl Salzkammergut 2024 wirbt mit dem Slogan: „KULTUR

IST DAS NEUE SALZ.“[1] Kurz darauf antwortet eine neu gegründete Initiative Salzkammergut-2024: „Soizkåumabessa. Zu Deutsch: Salzkammerbesser / Salz kann man besser.“ [2] Die Initiative bezeichnet sich selbst als „keine Gegenbewegung“, dennoch erzählt uns dieser Slogan eine Geschichte des Widerstands und der Kritik, am Programm der Europäischen Kulturhauptstadt (ECoC) 2024. Ich möchte hier Spuren von Kritik, Widerstand und Konflikten, die in der Planungsphase der ECoC aufkommen, nachgehen.

Welche Konfliktherde sind glühend heiß? Können Konflikte im Rahmen einer ECoC

sichtbar, nutzbar und produktiv gemacht werden?

Zentrale Themen, der ECoC Salzkammergut 2024, sind regionale Nachhaltigkeit und Klimabewusstsein. Durch den Fokus auf diese anthropozänen Themen, fordert die ECoC 2024 Bewohner*innen und Besucher*innen des Salzkammergutes auf, Handlungsweisen neu zu denken. In Gesprächen [3] mit Christina Jaritsch (ECoC Programmteam) und Alexandra Mayr (Initiative KLAR! Salzkammergut), wurden „Veränderungen“ und „etwas Neues machen“ als Ziele genannt. In Verbindung damit wurde von Konflikten gesprochen. Diese angesprochenen Konflikte sind kein neues Phänomen der ECoC-Planungsphase. Nicht alle regionalen Stakeholder wollen auf den europäischen Zug der Veränderung aufspringen. Konkret setzt sich die ECoC 2024 als Ziel das Salzkammergut als eine nachhaltige Tourismusregion zu etablieren. Gewohnte Wege zu verändern bedarf gemeinsame Ziele. Unterschiedliche Stakeholder zu einer gemeinsamen Identifikation bzw. einem „rebranding“ einer Stadt oder Region zu mobilisieren, gelingt laut den Autor:innen Ooi, Håkanson und LaCava eher selten. [4] Doch wo zerbröselt der Zaunerstollen besonders?


Konfliktherde

Im Duden wird das Wort Konflikt definiert, als eine schwierige Situation, entstanden durch das Aufeinanderprallen widerstreitender Auffassungen, Interessen o. Ä., die zum Zerwürfnis führen kann. Ein Konflikt ist somit eine Situation mit ungewissem Ende und einer Art Risiko, dass Akteur:innen getrennte Wege gehen. Im Rahmen einer ECoC treffen unterschiedlichste Beteiligte mit ihren Interessen, Strukturen und Bedürfnissen aufeinander. In diesem Mischmasch gibt es einige Konfliktherde und die Projektplanung kann zur Gratwanderung, zwischen produktiver Energie und Verbrennungsgefahr, werden. Als interaktiven Teil meiner Präsentation in der Lehrveranstaltung brachte ich folgende Fragen in Bezug auf die ECoC 2024 mit: Welche Konfliktherde gibt es? Was wird unter den Teppich gekehrt? Und welche Aspekte vertragen mehr Scheinwerferlicht? Ausgehend hiervon möchte ich ein paar Konfliktherde vorstellen und Sie einladen, diese gedanklich zu ergänzen und zu hinterfragen.

Konfliktherd Nr.1: BidBook Ziele vs. begrenzte Ressourcen

Um den Titel ECoC zu tragen, muss man sich vorerst einem europaweiten Konkurrenzkampf stellen. Somit wird ein möglichst einzigartiges und glanzvolles Bidbook entworfen – mit hohen Zielen. Ooi et al. beschreiben dies als einen Grund für anschließende Enttäuschungen: „unsurprisingly, the marketing of the bid often promises too much, and eventually practical deliberations dominate programme execution.“[5] Die ECoC kann hier mit Sicherheit ein Schritt Richtung Ziellinie sein – doch ist es laut Boland et al. Ein Balanceakt zwischen ambitionierten und erreichbaren Zielen.[6] Laut den Autor:innen Ooi et al. werden die begrenzten Ressourcen nie gleichmäßig verteilt, bzw. auch wenn, wird diese Verteilung selten als gerecht angesehen.[7] Wie gut balanciert das Salzkammergut? Werden nicht inkludierte Projektideen, nach dem ECoC Jahr, weitergedacht?


Konfliktherd Nr.2: Unterschiedliche Positionen und Kulturverständnisse

Im Rahmen der ECoC Salzkammergut treffen kleine Vereine auf größere Institutionen und etablierte Positionen auf neu gegründete. Alle gemeinsam blicken auf begrenzte Fördertöpfe. Weiter den Herd anheizen kann ein konkurrierendes Verständnis von „Kultur“. Was und wer passt in das Kulturkonzept der ECoC – was bleibt außen vor? Wer kann mit welcher Definition von Kultur die Ressourcen nutzen?


Konfliktherd Nr.3: Nachhaltige Großveranstaltung

ECoC haben das Potential „ernste“ Themen, die Verantwortung fordern, anzusprechen, aber in einem unterhaltsamen Setting. Events, wie die ECoC, sind für Besucher:innen eine Freizeitbeschäftigung – die Erwartungshaltung ist, etwas nicht Alltägliches, etwas Unterhaltsames, etwas Kulturelles zu erleben. Im Salzkammergut wird der Ernst des Massentourismus und der Umweltverschmutzung ins Zentrum der ECoC gerückt. Nachhaltig eine Großveranstaltung umzusetzen, bedeutet vom gewohnten Weg des Tourismus, des Entertainments und der Wertschöpfung abzuweichen. Wird die ECoC wirklich ein „grünes Event“ oder nur grün gewaschen?


Konfliktherd Nr.4: ECoC in einer ländlichen Region

Lokale Netzwerke treffen auf europäische Strukturen. Wer entscheidet über was? Die Verortung der ECoC im ländlichen Raum, in einer Region mit 23 beteiligten Gemeinden, ist eine noch nicht erprobte Konstellation. Eine Vielzahl von Gremien, Entscheidungsträger:innen und Verträgen wirken aufeinander. Druck und Erwartungen werden von verschiedenen Seiten aufgebaut. Wer hat die Macht über die Ressourcen zu entscheiden und regional auszulegen?


Das Potential von Konflikten – oder: Europäische Kulturhauptstadt als conflict zone?

„The processes of negotiation are just as important as the end results. An on-going dialogue and discussion while a city is an ECoC would be helpful. Policies to encourage continuous dialogues will be helpful in engaging diverse local communities in the ECoC project.” [8]

Werden die genannten Konfliktherde 2024 in der finalen Umsetzung, der ECoC im Salzkammergut, thematisiert, oder verschwinden sie hinter den Kulissen? Konflikte und Widerstände können als Zeichen gesehen werden, dass angestoßene Themen wahrgenommen und ausverhandelt werden.


Dieser Aushandlungsprozess braucht aber eine Art Klettergerüst, eine Leiter, oder Rhizome –ein System, das Konflikte, leitet, verleitet, umleitet, ausleitet und einleitet.

Donna Haraway meint, wir werden nicht mit dem Denken des eingeschränkten Individualismus überleben, sondern nur im „Mit-Werden“ und wenn wir unsere Welt „wieder lebenswert machen“[9]. Könnten Events, wie die ECoC, uns vorzeigen, wie wir mit Konflikten so umgehen können, dass kein Abbruch des Aushandlungsprozesses geschieht – sondern ein „sich verwandt machen“?

Konfliktfähigkeit könnte eine notwendige gesellschaftliche Fähigkeit im Anthropozän und für die Zukunft sein. Der Kulturbegriff der ECoC würde dann zum Werkzeug werden und Fragen nicht nach dem Was, sondern dem Wie stellen.

[1] https://www.salzkammergut-2024.at/programm/konzept-und-programmlinien/ [2] https://www.salzkammergut2024.info/info-2024 [3] Die Gespräche wurden im Rahmen der Lehrveranstaltungsausfahrt (5.5.-6.5.2022) geführt. [4]Ooi, C., Håkanson, L., LaCava, L. (2014): Poetics and Politics of the European Capital of Culture Project, Procedia - Social and Behavioral Sciences, Volume 148, p. 421. [5]Ooi, C., Håkanson, L., LaCava, L. (2014): Poetics and Politics of the European Capital of Culture Project, Procedia - Social and Behavioral Sciences, Volume 148, p. 424. [6] Boland P., Murtagh B., Shirlow P. (2019): Fashioning a City of Culture: ‘life and place changing’ or ‘12 month party’?, International Journal of Cultural Policy, 25:2, p. 13. [7] Ooi, C., Håkanson, L., LaCava, L. (2014): Poetics and Politics of the European Capital of Culture Project, Procedia - Social and Behavioral Sciences, Volume 148, p. 425. [8] Ooi, C., Håkanson, L., LaCava, L. (2014): Poetics and Politics of the European Capital of Culture Project, Procedia - Social and Behavioral Sciences, Volume 148, p. 426. [9] Haraway, D. (2016): Unruhig Bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Campus Verlag. p. 51.



Wanda Deutsch studiert Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Graz und ist als Kunstvermittlerin am Universalmuseum Joanneum und im Kunstfreundeskreis Graz tätig. Ihr Forschungsinteresse bezieht sich insbesondere auf art-based-research und anthropozäne Zukunftsnarrationen.



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